Schlangenlinien
Roman
Ann Butts hat es nicht leicht unter den Anwohnern der Graham Road in Richmond. Denn sie ist nicht nur die einzige Schwarze in der Gegend, sondern sie leidet auch an einer seltenen Krankheit, die ihr den Ruf der „verrückten Annie“ eingebracht hat. Die Kinder machen sich einen Spaß daraus, sie zu ärgern, und ihre Nachbarn tyrannisieren sie auf perfideste Weise. Es wird ihr nachgesagt, sie sei eine Alkoholikerin, die zu unberechenbaren Anfällen neige, und es bereitet den Leuten Freude, abstruseste Gerüchte über sie auszustreuen. Von allen gemieden, lebt die sonderliche Annie einsam und zurückgezogen in ihrem kleinen Haus, das sie nur mit ihren geliebten Katzen teilt.
Auch die junge Lehrerin Mrs. Ranelagh, die ebenfalls in der Graham Road lebt, kennt sie nur vom Sehen. Einmal hat sie versucht ins Gespräch mit ihr zu kommen, doch Annies schroffe Reaktion hielt sie seitdem davon ab, ihre Nähe zu suchen. Als Mrs. Ranelagh eines Abends bei strömendem Regen auf dem Weg nach Hause ist, muss sie jedoch eine grauenhafte Entdeckung machen: Annie liegt mit tödlichen Verletzungen im Rinnstein der Graham Road – und im letzten Blick der Sterbenden scheint die stumme Bitte nach Aufklärung der Wahrheit zu liegen. Mrs. Ranelagh ist zutiefst erschüttert, denn sie ahnt, dass sich hinter Annies Geschichte ein Drama verbirgt.
Allerdings scheint sie die Einzige zu sein, der daran gelegen ist herauszufinden, was es mit dem Tod von Annie wirklich auf sich hat. Denn der offiziellen Erklärung, Annie sei betrunken über die Straße getaumelt und von einem Lastwagen gegen einen Laternenpfahl geschleudert worden, kann sie keinen Glauben schenken. Ausgerechnet ihr Mann Sam stützt diese Version der Todesursache, denn er bezeugt, gemeinsam mit seinem Freund Jock beobachtet zu haben, wie Annie völlig von Sinnen die Graham Road entlanggestolpert sei. Je weiter Mrs. Ranelagh aber in Annies Geschichte vordringt, desto mehr Widersprüchen und Ungereimtheiten kommt sie auf die Spur. Doch auch bei der Polizeistoßen ihre Bemühungen, die Vorgänge des fraglichen Abends zu rekonstruieren, auf eine Mauer der Gleichgültigkeit. Der zuständige Polizeibeamte, Sergeant Drury, scheint froh zu sein, eine plausible Erklärung für Annies Tod gefunden zu haben, und ist durch nichts zu bewegen, die Akte Butts noch einmal zu öffnen.
Mrs. Ranelagh, voller Zorn und Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen und von ihrem Mann Sam mehr und mehr entfremdet, stürzt in eine tiefe Krise. Die beiden entschliessen sich, England zu verlassen, und verbringen viele Jahre im Ausland. Doch die Frage nach Annies wahrem Schicksal hört nicht auf, Mrs. Ranelagh zu quälen, und ohne Sams Wissen fährt sie fort, weitere Informationen zu sammeln.
Als sie schließlich wieder in ihre Heimat zurückkehren, ist für Mrs. Ranelagh endlich der Moment gekommen zu handeln. Denn sie hat inzwischen nicht nur herausgefunden, dass Sams und Jocks Alibi für jenen Abend höchst fragwürdig ist. Sie weiß auch, dass Annie – weit davon entfernt in so armen Verhältnissen gelebt zu haben, wie es gerne dargestellt wurde – in ihrem Haus eine wertvolle Sammlung aztekischer Kunstgegenstände aufbewahrt hat. Sie kehrt zurück in die Graham Road, um mögliche Zeugen ausfindig zu machen – und gerät dabei in einen wahren Sumpf von Intrigen und Verleumdungen. Da ist Sharon Pierce, eine Prostituierte, die ihre Finger im Spiel zu haben scheint, und die zerrüttete Familie Slater, die immer schon alles getan hat, um Annie das Leben zur Hölle zu machen. Sie alle haben gute Gründe, die Vergangenheit ruhen zu lassen, doch Mrs. Ranelagh ist fest entschlossen, sich kein zweites Mal von ihrer Überzeugung abbringen zu lassen. Unbeirrbar verfolgt sie ihren Weg, die Wahrheit über Annie Butts aufzudecken. Und was sie herausfindet, übersteigt selbst ihre ungeheuerlichsten Vermutungen ...
Auch in ihrem siebten Roman zeigt Minette Walters ihre absolute Meisterschaft, den Leser an die Abgründe der menschlichen Seele heranzuführen. „Schlangenlinien“ ist ein bis zur letzten Seite fesselnder Psychothriller, der gleichzeitig Einblick gewährt in den mörderischen Kosmos eines Londoner Vorortes. Dabei gelingt es Minette Walters, anhand des dramatischen Schicksals der Außenseiterin Ann Butts und der Bewohner der Graham Road ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen – und mit der couragierten Mrs. Ranelagh eine Heldin zu schaffen, die den Leser bis zum raffiniert gewobenen Ende nicht mehr loslässt.
Über die Autorin
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